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Radio Diospi Suyana

Ein Bauleiter aus dem Nichts

Klemenz

Udo und Barbara Klemenz

Monatelang hatten wir nach einem Ingenieur Ausschau gehalten, der die Bauarbeiten in Peru als unser Consulting-Partner überwachen könnte. Ein Mann mit internationaler Erfahrung, noch gesund und bei Kräften und zudem bereit, für zwei Jahre nach Peru zu ziehen. Da wir ein kleines Spendenwerk waren, wollten wir ihm kein Gehalt zahlen, sondern hofften auf eine ehrenamtliche Tätigkeit. Wahrscheinlich existierte solch eine fiktive Person gar nicht. Jedenfalls hatten wir niemanden mit diesen Charakteristika gefunden.

Zwei Tage vor einer wichtigen Sitzung mit den Direktoren der Baufirma saß ich morgens in unserer kleinen Dachwohnung. Neben mir am Tisch bemühte sich Rechtsanwalt Klaus Schultze-Rhonhof, mir den Inhalt von 50 Seiten Kleingedrucktem zu erklären. Der erste Entwurf für einen Bauvertrag enthielt eine Menge juristische Vokabeln, die mich als Arzt völlig unverständlich anmuteten. Herr Rhonhof hatte angeboten, mich bei den Verhandlungen mit Constructec zu beraten. Meine ganzen Hoffnungen ruhten auf ihm, denn zu allem Unglück erkrankte in jener Woche auch noch Olaf Böttger. Er würde bei den Gesprächen mit Constructec nicht dabei sein können.

„Ich gehöre übrigens auch zu einer wohltätigen Vereinigung“, bemerkte der Rechtsanwalt und schob die vielen Blätter mit seinen Notizen ein wenig zur Seite. „Wir sind so um die 20 Personen aus ganz Deutschland und sammeln Gelder für Kinder von Straßenmädchen in São Paulo, Brasilien!“ Klaus Rhonhof lag auf meiner Wellenlänge, das spürte ich. Mein Interesse an seinem karitativen Engagement steigerte sich aber erheblich, als er anfügte: „Einer von uns hat früher als Ingenieur für Philipp Holzmann gearbeitet!“

Ich erinnerte mich sofort daran, dass Philipp Holzmann bis zu seinem Konkurs eines der führenden Bauunternehmen Deutschlands gewesen war. Der Mann, von dem er sprach, musste wohl etwas mit dem Baugewerbe zu tun haben. „Darf ich fragen, wie dieser Mann heißt?“ „Natürlich. Es ist Udo Klemenz, er wohnt in Solms bei Wetzlar!“ „Haben Sie vielleicht rein zufällig seine Telefonnummerbei sich?“ Meine Stimme verriet eine gewisse Dringlichkeit. Der Rechtsanwalt bückte sich und kramte in seiner Tasche unter dem Tisch. Eine ganze Weile verging und es sah nicht danach aus, dass er in den Tiefen seiner Aktentasche fündig würde.

„Hier hab ich sie!“, rief er mit einem Anzeichen der Befriedigung und reichte mir einen kleinen Zettel. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich mal ganz kurz bei Herrn Klemenz anrufe?“ Der Rechtsanwalt schüttelte den Kopf. „Durchaus nicht. Vielleicht haben Sie Glück und er ist zu Hause!“

Eine tiefe Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung. „Sind Sie Herr Klemenz?“, fragte ich und bemühte mich, freundlich zu klingen. „Ja, der bin ich. Worum geht es?“ „Wir sind eine kleine Gruppe von Ärzten und Krankenschwestern, die in Peru ein Missionsspital bauen wollen. Wir suchen aber noch einen Bauingenieur, der die Arbeiten beaufsichtigen könnte!“ Ich wusste, es machte keinen Sinn, lange um den heißen Brei herumzureden. Ich holte noch einmal tief Luft und ließ die Katze aus dem Sack. „Könnten Sie sich vorstellen, diese Aufgabe zu übernehmen, aber umsonst?“

Ich lauschte gespannt in den Hörer. Mein Anliegen hatte nicht gerade den Anstrich von Seriosität. Auf Herrn Klemenz mussten meine Worte wie eine Mischung aus Naivität und Unverschämtheit wirken. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Am besten, Sie besuchen meine Frau und mich und wir reden in aller Ruhe darüber. Was halten Sie von heute Abend?“

„Passt mir hervorragend!“, antwortete ich verdattert, bedankte mich artig und versprach, um Punkt 19 Uhr in Solms zu erscheinen. Als ich den Hörer auflegte, bemerkte der Rechtsanwalt trocken: „Herr John, Sie sind genau der Richtige für diese Aufgabe!“ Nach diesem ermutigenden Lob machten wir uns wieder an die Durchsicht des Vertragsentwurfs.

Mit einem Tastendruck schaltete ich mein Navigationsgerät ab. Hier in diesem Haus am Hang lebte also das Ehepaar Klemenz. Während der einstündigen Fahrt von Wiesbaden nach Solms hatte ich versucht, mir die erste Begegnung mit den beiden vorzustellen. Ob sie überhaupt Interesse an unserem Krankenhaus in Peru haben würden? Hoffnungsvoll stand ich an der Tür und klingelte. Udo und Barbara Klemenz hatten mich schon erwartet. Sie führten mich in ihr Wohnzimmer und halfen mir, Leinwand und Beamer im richtigen Winkel zueinander aufzustellen. Mein Vortrag über Diospi Suyana dauerte eine knappe Stunde. Wort für Wort wiederholte ich anhand der Bilder zum 250. Mal Tinas und meine Lebensgeschichte, die dann wie immer in unseren verwegenen Traum einmündete, den Traum eines modernen Missionsspitals in den Anden. Das Ehepaar Klemenz folgte meinen Ausführungen schweigend, ohne eigene Kommentare abzugeben.

Nach meiner Präsentation war es überraschenderweise Barbara Klemenz, die zuerst das Wort ergriff. Was sie in wenigen Sätzen schilderte, verschlug mir die Sprache. „Mein Mann und ich sind überzeugte Christen hier aus der Landeskirche im Ort. Seit drei Tagen fragen wir uns ganz intensiv, ob Gott vielleicht einen besonderen Auftrag für uns bereithält!“ Ein kalter Schauer lief mir den Rücken herunter und ich musste mich beherrschen, um meine Erregung zu verbergen.

„Wir haben wiederholt um Gottes Führung gebeten“, fuhr Barbara Klemenz fort. „Als Sie uns heute Morgen anriefen, saßen mein Mann und ich gerade in der Küche zusammen und dachten über unser Leben nach. Für uns kommt Ihr Anruf wie ein Fingerzeig Gottes!“ Nun war ihr Mann Udo an der Reihe. „Ich habe 35 Jahre als Bauingenieur für die Firma Holzmann gearbeitet. Davon 13 Jahre in Ländern der Dritten Welt.“ Er räusperte sich ein wenig und kam dann auf den springenden Punkt zu sprechen. „Ich hätte durchaus die Erfahrung, die Sie suchen. Das Timing von heute Morgen scheint darauf hinzuweisen, dass Gott will, dass wir nach Peru gehen!“

Die Rückfahrt nach Wiesbaden dauerte mir viel zu lange. Ich musste Tina unbedingt von meinem Erlebnis bei den Klemenz’ berichten. Es war offensichtlich, dass Gott auf eine schier unglaubliche Weise gehandelt hatte. Als Tina die Geschichte hörte, schwieg sie ergriffen. Dann sagte sie: „Wir alle sind Rädchen im großen Räderwerk Gottes!“ Die Verhandlungen mit Constructec begannen, wie geplant, am 18. Februar und dauerten vier volle Tage. Am Tisch dabei: Udo Klemenz. Er war gewissermaßen über Nacht zu einer Schlüsselperson bei Diospi Suyana geworden.

Anmerkung: Udo Klemenz hat den Bau des Spitals überwacht. Anschließend baute er für Diospi Suyana eine Dental- und Augenklinik. Im Jahr 2012 leitete er die Errichtung eines Kinderhauses für die Diospi-Suyana-Kinderclubs. Von 2012 bis 2014 entstand unter seiner Aufsicht die Diospi-Suyana-Schule. Udo und Barabara Klemenz lebten von 2005 bis 2014 mit wenigen Unterbrechungen in Curahuasi Peru. Ihre Geschichte haben über die Massenmedien Millionen von Menschen in vielen Ländern gehört. Sie zeigt, was Gott tun kann, wenn zwei zu Hause ernsthaft beten: “Gott, Dein Wille geschehe!”

 

 

 

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