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Radio Diospi Suyana

Nelli Klassen

Folgenschwere Worte am Küchentisch

Viele überzeugte Christen spielen mit dem Gedanken sich eine gewisse Zeit im Ausland für einen christlich-sozialen Zweck einzusetzen. Die wenigen, die diesen Schritt am Ende wagen, haben oft eine spannende Entwicklung durchgemacht.

Seit August 2017 arbeitet Nelli Klassen als vollzeitliche Sprachtherapeutin an den Einrichtungen von Diospi Suyana. Man könnte nicht behaupten, sie habe ihre Entscheidung für diesen dreijährigen Einsatz aus dem Affekt getroffen. Die innere Reise von Herford nach Curahuasi zog sich vielmehr vier Jahre in die Länge.

Wir schreiben das Jahr 2013. Nelli arbeitet vorübergehend mit einer Kollegin zusammen. Auf dem Weg zur Praxis kauft sich ihre Bekannte in einem Laden das Buch „Ich habe Gott gesehen“. Am Nachmittag hat Nelli etwas Zeit, um sich in die Entstehungsgeschichte von Diospi Suyana einzulesen. „Ist ja echt spannend“, denkt sie. Doch mit dem Dienstschluss verschwindet der Schmöker in der Tasche ihrer Kollegin.

Dezember 2014. Nelli möchte ihren Eltern etwas Schönes schenken. Ach ja, vielleicht wäre jenes Buch über “das Krankenhaus des Glaubens” ein gutes Geschenk. Und in der Tat findet das Werk gleich drei Leser. Mama, Papa und Nelli.

Bücher sind in ihrer Kraft nicht zu unterschätzen. Sie können Krieg und Frieden begünstigen oder wie Onkel Toms Hütte maßgeblich an der Abschaffung der Sklaverei mitwirken. Nelli fängt an zu grübeln. Wäre eine Mitarbeit bei Diospi Suyana vielleicht etwas für sie? Auf der Webseite der Missionsgesellschaft findet sie allerdings keinen Hinweis auf einen Bedarf für eine Sprachtherapeutin. Aber die Sache lässt ihr keine Ruhe. Am 29. Dezember 2015 schickt sie eine allgemeine Anfrage per E-Mail an das Büro von Diospi Suyana. Eigentlich rechnet sie mit keiner schnellen Antwort zum Jahresende, aber zu ihrer Überraschung erhält sie keine 24 Stunden später eine kurze Nachricht aus Peru. Ein Dr. Klaus John schreibt: „Wir brauchen sie. Es gibt mehr Arbeit als genug. Wann wollen sie sich bewerben?“

Das geht jetzt für Nelli doch etwas zu schnell. Sie rudert zurück. Ohnehin muss sie erst ihr Studium mit dem Master abschließen. Und sie benötigt ein bestimmtes Praktikum für das sie seit geraumer Zeit ohne Erfolg einen Platz sucht. „Gott“, betet sie, „ein Missionseinsatz kommt für mich nicht in Frage, es sei denn, ich habe wirklich mein Studium mit allem Drum und Dran abgehakt!“

Überraschenderweise hört sie von einer Klinik in Süddeutschland, wo man angeblich das Praktikum machen könnte. Sie befürchtet zwar, dass sie sich vielleicht ein ganzes Jahr auf einer Warteliste gedulden werden muss. Aber Nelli hat nichts zu verlieren. Sie greift zum Telefonhörer und ruft einfach mal an. „Was für ein Zufall, dass sie sich jetzt melden“, meint eine freundliche Männerstimme in der Leitung. „Gerade ist eine Kandidatin abgesprungen. Sie könnten sich ja mal bei uns bewerben!“

Elektronisch bringt Nelli umgehend ihre offizielle Bewerbung auf den Weg. Als die Sonne untergeht hat sich die Klinik schon längst bei ihr mit einer Zusage gemeldet. Nelli versteht, dass es für Gott keine echten Hindernisse gibt.

Gratulation. Nelli Klassen hat zum Oktoberbeginn 2016 ihren Studienabschluss mit Master in der Tasche. Eine Woche später sitzt sie mit zwei Freundinnen im Flugzeug nach Peru. Dieses Spital inmitten der Anden will sie sich erst einmal anschauen. Danach weiß sie sicherlich besser, ob Diospi Suyana ein Abschnitt ihres zukünftigen Lebensweges werden könnte oder nicht.

Die Woche in Curahuasi verstreicht. Zwei Logopädinnen arbeiten stundenweise am Spital. Die eine liegt leider im Wochenbett und die andere hat drei kranke Kinder zu Hause. Nelli fehlen die Ansprechpartner. Ihr wird klar, dass sie bei Diospi Suyana ein hohes Maß an Eigeninitiative brauchen wird. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Ratloser als zuvor packt sie zu Hause in Herford ihren Koffer aus.

Die Familie Klassen ist intakt. Wichtige Entscheidungen werden gemeinsam besprochen. Nelli weiß, dass ihre Eltern ihrem Nesthäkchen sicherlich zur Vorsicht mahnen werden. Nun sitzen sie am Küchentisch und die Eltern schauen ihrer jüngsten Tochter offen in die Augen. „Was meinst Du Nelli, wirst du nach Peru gehen?“

„Ich bin mir überhaupt nicht sicher, was ich machen soll“, kommt es Nelli langsam über die Lippen während sie sich mit der Hand ratlos durch die Haare streicht.

Wir alle haben eine klare Vorstellung davon, was tausende von Vätern in diesem Augenblick ihrer hübschen Tochter raten würden.

„Bleib hier!“ – „Überleg Dir das zweimal!“ – „Südamerika ist ohnehin zu gefährlich!“ – „Sammele erst einmal Erfahrungen im Beruf!“…

„Nelli“, sagt die Stimme ihres Vaters plötzlich klar und deutlich, „ich möchte Dich nicht aus dem Haus werfen, aber wenn Gott dich ruft, dann solltest du wirklich nach Peru gehen!“

Wow, das sitzt. Damit hat Nelli nicht gerechnet.

Seit dem Sommer 2017 hat Nelli hunderte von Therapien durchgeführt. Sie behandelt Kinder am Colegio Diospi Suyana und Patienten am Missionsspital.

„Arbeit gibt es mehr als einer schaffen kann“, sagt Nelli und fügt dann hinzu: „Ich bin mir sicher, dass Gott mich hier in Curahuasi haben will!“