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Radio Diospi Suyana

Peter Hitchens – Die Wut auf Gott

Ein Atheist wird Christ

Peter Hitchens war – wie sein 2011 verstorbener Bruder Christopher Hitchens – viele Jahre ein überzeugter Atheist. Als Teenager verbrannte er sogar vor einem geladenen Publikum seine Bibel. Heute ist der Journalist und Buchautor überzeugter Christ. In seinem Werk “The Rage against God” (Die Wut auf Gott) beschreibt er seine Reise zurück zum christlichen Glauben.

(Seite 101-105) Ich kann mich ziemlich gut an einen Besuch des Hotels-Dieu in der Ortschaft Beaune erinnern (Anmerkung: Früher ein Krankenhaus, heute ein Museum). Meine Freundin und ich fuhren dorthin auf der Suche nach gutem Essen und erlesenen Weinen aus der Burgund. Aber natürlich waren wir gebildete Reisende und schlenderten mit dem Touristenführer in der Hand durch das ehemalige Krankenhaus. Und dort befindet sich das Polyptych (Schreibtafeln) von Rogier van der Weyden aus dem 15. Jahrhundert über das “Jüngste Gericht”.

Ich spottete, wieder so ein religiöses Gemälde. Konnten die Leute damals sich nicht mal ein anderes Thema für ihre Darstellungen aussuchen? Ich machte immer noch meine Witze, als ich die nackten Figuren beäugte, die sich in Richtung Höllenloch bewegten. Ich hatte nur ein peripheres Interesse mir diesen Schrecken der Verdammung anzusehen.

Aber plötzlich stand ich da mit offenem Mund. Die Leute schienen nicht einer fernen und früheren Zeit anzugehören. Sie verkörperten meine eigene Generation. Sie waren nackt und deshalb nicht durch die Mode in ihre Zeit eingesperrt. Ganz im Gegenteil, ihre Haare und Gesichtszüge zeigten den Stil meiner Zeit. Sie waren die Menschen, die ich kannte. Einer von ihnen erbricht gerade aus purer Verzweiflung als der die “Letzte Trompete” hört.

Ich hatte kein “religiöses Erlebnis”. Es passierte auch nichts Mystisches oder Unerklärliches – keine Trance, keine Ohnmachtsgefühle, keine Visionen, Stimmen und kein grelles Licht. Aber mich überkam das starke Gefühl, dass Religion ein Teil von heute ist und nicht unter den Schichten vergangener Zeiten dahinschlummert.

Ein langer Katalog meiner Schandtaten von Peinlichkeiten bis hin zum Abstoßenden, tauchte schnell in meinem Kopf auf. Ich hatte überhaupt keine Zweifel daran, dass ich selbst zu den Verdammten gehörte. Und was wäre, wenn die dargestellten Figuren wirklich verdammt wären. Woher war ich mir eigentlich so sicher, dass sie es nicht wären. Ich wusste es nicht. Ich konnte es nicht wissen. Van der Weyden war selbst 500 Jahre nach seinem Tod noch sein Geld wert. Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung gehabt, dass ein Erwachsener am helllichten Tag und nach einem guten Essen so eingeschüchtert werden konnte. Ich habe Gruselromane von M.R. James immer genossen. Nach einem milden Schrecken überkommt mich danach immer das beruhigende Gefühl. Du blätterst um und schließt das Buch und das Entsetzen verschwindet hinter dem Buchdeckel. Aber diese Offenbarung war nichts dergleichen.

Es sollte mir peinlich sein zuzugeben, dass Furcht ein Teil meiner Rückkehr zum Glauben war. Ich könnte mir mit Leichtigkeit eine andere Geschichte ausdenken. Ich habe gelegentlich richtige Angst gefühlt und sie war ein wichtiges Geschenk, um im Gefahrenmoment in aller Ruhe nachzudenken. Ich habe das durchgemacht bei den Tücken im Straßenverkehr, wenn ich in schreiend in einen Aufprall schlitterte. Dann war ich geistesgegenwärtig genug den Motor abzustellen und die Benzinzufuhr zu unterbinden, um ein Feuer zu verhindern. Und dann bin ich verletzt in die relative Sicherheit des Straßenrandes gestolpert. Ich habe diese Angst vor einer Kupfermine in Afrika gespürt, als mein Auto von aufgebrachten Leuten umzingelt war, die mit einer gewissen Berechtigung in mir einen Feind sahen. Die Angst brachte mich dazu ruhig und beherrscht zu bleiben bis die Gefahr vorüber war. Eigentlich war mir nach Schreien zu Mute und ich wollte eine Verzweiflungstat begehen, die mit Sicherheit meinen Tod bedeutet hätte. Ich habe so ein Panik erlebt, als Sowjet Soldaten auf eine Menschenmenge neben mir schossen. Ich lag flach auf meinem Rücken im schmutzigen Schnee. Und meine lächerliche Position machte mir gar nichts aus, denn ich schlussfolgerte zu recht, dass es schlimmer wäre verletzt zu sein.

Aber der wichtigste Moment meines Lebens war jener Augenblick, als ich vor Rogier van der Weydens großem Altargemälde stand. Und mein Gewissen zitterte wegen so vieler meiner Vergehen. Ich meine, wer so etwas nicht fühlt, ist wohl in einer viel größeren Gefahr, weil er die Risiken vor sich einfach nicht erkennt.

Ich ging als veränderter Mensch davon. Und dieser Effekt hat in drei Jahrzehnten nicht nachgelassen…

…Ich habe nicht sofort auf diese Entdeckung reagiert. Aber etwa ein Jahr später wurde ich mit einem privaten Dilemma konfrontiert. Und es war die Angst etwas Böses zu tun, die mich davor zurückhielt, die Tat zu begehen. Und rückblickend bin ich dafür unglaublich dankbar. Ohne Rogier van der Weyden hätte ich sicherlich das Falsche getan.

(Freie Übersetzung KDJ)

Hier können Sie eine Debatte zwischen Christopher und Peter Hitchens anschauen. Rechts finden Sie alle 14 Teile der Podiumsdiskussion. https://www.youtube.com/watch?v=KmnVQLOd9Lg&list=PLDBE78E59B14CEFA3