
Das Problem des Bösen
Prof. John Lennox (Oxford University) ist durch seine Debatten mit Richard Dawkins, Christopher Hitchens und Peter Atkins weltberühmt geworden. Der Mathematiker und Philosoph wird von vielen als einer der herausragendsten Apologeten des Christlichen Glaubens bezeichnet. Seine Autobiographie erschienen im englischen spck-Verlag liest sich wie ein Roman. Daraus ein Auszug von den Seiten 169 und 170.
…In den darauffolgenden Jahren habe ich noch viele Reisen nach Österreich unternommen. Ich sprach in Kirchen, in Konferenzen vor Studenten und lehrte an Universitäten. Einmal organisierten einige Christen für mich einen öffentlichen Vortrag im Museum von Innsbruck. Am Tag jenes Referats und zwar beim Frühstück in einem kleinen Hotel kam ich mit einem israelischen Ehepaar aus Tel Aviv ins Gespräch. Sie fragten mich, was ich denn in Innsbruck zu tun hätte. Ich sagte, dass ich über jüdische Schriften – den Tanakh (jüdische Bibel) sprechen würde, um Christen von der Bedeutung des Alten Testamentes zu überzeugen.
Das Paar machte gleich klar, dass sie nicht an Gott glaubten. Ich fragte, ich würde gerne den Grund erfahren, weil einer meiner Gründe an Gott zu glauben mit der Geschichte Israels, also ihrem Volk, verbunden wäre. Sie sagten, sie würden es vorziehen meine Frage nicht zu beantworten, weil sie meinen Glauben nicht zerstören wollten. Als Erwiderung meinte ich, mein eigener Glaube wäre wohl nicht viel wert, wenn er ihren kritischen Einwänden nicht standhalten könnte. Sie blieben aber unnachgiebig und ich ließ es erst einmal damit beruhen. Die Konversation plätscherte so vor sich hin und sie fragten mich über den Inhalt meines Vortrags. Sie waren verwundert, als sie hörten, dass ich Mathematiker sei. Ich bemerkte, wie beide sich aneinander zunickten. Schließlich sagte der Mann: „Also wir machen uns wirklich Sorgen um ihren Glauben, aber wir nennen ihnen doch unsere Gründe. Wir würden nämlich gerne wissen, was sie auf unsere Meinung erwidern werden. Unsere Geschichte ist folgende. Wir lesen uns gerne laut Bücher vor und vor einiger Zeit lasen wir „Der Sklave“ des jüdischen Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer. In seinem Buch ist ein erschütternder Abschnitt enthalten über einen brutalen Progrom in Russland bei dem jüdische Frauen und Kinder lebendig beerdigt wurden. Als wir das lasen, ging bei uns das Licht aus. Ein Mensch kann Gott viele Dinge vergeben aber nicht so etwas. Es tut uns leid, aber wir müssen ihnen sagen, dass wir den Glauben an Gott verloren haben.
Ich schwieg einen Moment lang und dann sagte ich: „In Ordnung. Also es gibt keinen Gott. Die Welt ist so wie sie ist und wir haben keine andere Wahl als in ihr zu leben. Ist das wirklich alles? Sie denken, dass sie das Problem gelöst haben, indem sie die Existenz Gottes leugnen. Dazu möchte ich zwei Dinge ansprechen.
Die erste ist eine Frage. Wenn es keinen Gott gibt, wo kommt das Konzept des Bösen her? Denn schließlich glauben wir nicht, dass gut und böse nur relative Kategorien sind, nicht wahr? Wenn es keinen transzendenten Standard außerhalb unserer selbst gibt, dann werden die Begriffe gut und böse am Ende nur zu persönlichen subjektiven Meinungen reduziert. Und ich bin nicht der Erste, der so denkt. Der russische Schriftsteller Fyodor Dostoyesvsky legt in seinem berühmten Buch „Die Brüder Karamazov“ einem seiner Charaktere die folgende Erklärung in den Mund: ‚Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles zulässig.‘ Also Dostoyevsky meinte damit nicht, dass sich Atheisten nicht ordentlich verhalten könnten. Das wäre absurd, besonders auch vor dem Hintergrund der biblischen Perspektive. Die Bibel lehrt uns, dass jeder Mensch, unabhängig von seiner Weltanschauung ein moralisches Wesen ist, das als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Dostoyevsky machte eine viel tiefere Beobachtung – dass der Atheismus keine rationale Begründung für die Existenz der Moral bietet.
Mein zweiter Punkt ist, dass wir, wenn wir Gott abschaffen, damit keinesfalls das Böse abschaffen. Aber wir verlieren etwas ganz Entscheidendes: Jede Hoffnung an eine letzte Gerechtigkeit. Jene Frauen und Kinder, die lebendig begraben wurden und Millionen anderer, die auf ähnliche Weise zu Grunde gingen, werden niemals Gerechtigkeit erfahren. Der Atheismus sagt, dass der Tod das Ende darstellt. Sie erhielten in diesem Leben keine Gerechtigkeit und wenn es kein Leben nach dem Tod gäbe, würden sie auch in Zukunft keine Gerechtigkeit sehen. Der Atheismus ist wortwörtlich eine Philosophie ohne jede Hoffnung.
Das israelische Paar war verblüfft und sagte: ‚Aber sie glauben immer noch an Gott, nicht wahr?‘
‚Ja, das tue ich. Und um meine Meinung zusammenzufassen stelle ich fest, ich habe ein reales Problem mit dem Bösen. Aber trotzdem habe ich eine reale Hoffnung, weil ich an Gott glaube.‘ (Aus dem Englischen übersetzt von KDJ)










