Das Wunder von Curahuasi

Ich werde Sonntag, den 26. August nie vergessen können. Fünf Tage vor der Einweihung des Spitals gingen meine Frau Tina und ich durch die menschenleeren Säle und Flure des Missionsspitals.

Die Hälfte der abgehängten Decken fehlte in den Räumen, wie auch ein Großteil der Fensterscheiben. Der Wind trieb den Staub durch die Gänge und wir fragten uns, wie der optische Eindruck des Krankenhauses für den großen Tag der Einweihung verbessert werden könnte. Den Termin für das Festereignis hatten wir Monate zuvor mit der Gattin des Staatspräsidenten festgelegt ohne zu wissen wie weit wir Ende August mit dem Bauvorhaben wirklich seien würden. 3,15 Millionen USD hatten wir bereits in den Bau investiert, aber da ein Betrag von mindestens 200.000 USD noch fehlte, lagen viele angebrochene Arbeiten vor uns. In diesem Zustand würde es unmöglich sein, die teuren Gerätschaften in den Patientenzimmern, den Operationssälen, geschweige dem Labor aufzustellen. Wie so oft in den vergangenen 5 Jahren standen wir wieder einmal nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. Unser Gebet zu Gott um Weisheit und Hilfe erinnerte an einen Schrei der Verzweiflung. Den ganzen Tag über planten wir die einzelnen Schritte um die letzten Aktionen der 100 Bauarbeiter mit den Hilfseinsätzen unserer 34 Missionare zu koordinieren. Am Abend lag der Krisenplan auf dem Tisch.

In den folgenden 96 Stunden geschah die unerklärliche Verwandlung von einer schmutzigen Baustelle in ein modernes Krankenhaus. Bauarbeiter und Missionare wuchsen über sich hinaus. Noch in der Nacht zum Fest kamen die letzten fehlenden Glasscheiben an und wurden im Morgengrauen eingebaut. Das gleiche galt für die Laborgeräte, die ein tapferer Fahrer 22 Stunden fast ohne Pause von Lima nach Curahuasi transportiert hatte. Einige Missionare bastelten mit müden Augen an einem überdimensionalen Kuchen als Nachbildung des Krankenhauses. Andere deckten Tische oder kämpften gegen die Schmutzflecke an Wänden und Böden.

Nach drei Stunden Nachtruhe fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Ein Regenschauer ergoss sich über Curahuasi und ich sah vor meinem geistigen Auge wie das Mischpult der Soundanlage gerade vollief. Mit Olaf Böttger, dem Vorsitzenden von Diospi Suyana aus Deutschland, raste ich zum Spital. Welch eine Erleichterung, einer der Musiker hatte schon alle Geräte abgedeckt und dem drohenden Unheil vorgebeugt.

Meine Frau und ich gaben am Morgen, noch ungewaschen wie wir waren, in den lokalen Radiostationen Interviews und luden erneut alle Curahuasinos zum Fest ein.

Würde die Gattin des Staatspräsidenten wirklich aus der fernen Hauptstadt anreisen? Könnte der Gesundheitsminister mit seinen zwei angebrochenen Rippen, die er sich nur eine Woche zuvor in einem Verkehrsunfall zugezogen hatte, tatsächlich die lange Anreise überstehen?

Um 11 Uhr füllte sich das Amphitheater und um die Mittagszeit warteten 4500 Menschen in der prallen Sonne auf den Beginn der Zeremonie.

Zwei Stunden verspätet traf die Gattin des Staatspräsidenten mit dem Minister ein. Wir atmeten tief durch und standen gemeinsam mit 9 Fernsehteams Spalier um die Ehrengäste zu begrüßen.

Die folgenden vier Stunden würden sich unauslöschlich in unsere Erinnerung einbrennen. Bei der Führung durch das Krankenhaus waren Minister und First Lady sichtlich bewegt. Sie sahen mit eigenen Augen, was das Massenblatt „La Republika“ am gleichen Tag als „Wunder von Curahuasi“ bezeichnet hatte. In den Bergen Südperus war ein Klinikum mit modernster Technik, ausgestattet mit Computertomographie und Solaranlage, entstanden. Es würde zukünftig bis zu 100.000 Berglandindinanern im Jahr eine medizinische Versorgung anbieten können.

Die Nationalhymnen erklangen und ein Redner nach dem anderen äußerte sich tiefsinnig über einen Glauben, der offensichtlich Berge versetzt hatte. In meiner Eröffnungsansprache wies ich darauf hin, dass nur Gott viel aus wenig und alles aus dem Nichts schaffen kann. Die Ehre gebühre Gott allein.

Der Festakt dauerte drei Stunden und ein Zauber der Einzigartigkeit lag wie ein Schleier über dem großen Halbrund des Amphitheaters. „Ganz Peru kann von Diospi Suyana lernen“, sagte die First Lady und berichtete vom ersten Besuch meiner Frau und von mir in ihrem Büro ein Jahr zuvor. Die Bilder und Animationen aus unserem Laptop-Computer waren zu einer Realität geworden.

Schon am gleichen Abend strahlten mehrere Fernsehsender die Nachricht von Diospi Suyana in die Welt hinaus. Millionen von Peruanern hörten eine Geschichte, die wie ein Märchen anmutete. Der 10-jährige Traum, der meine Frau und mich 200.000 Kilometer durch Europa und die USA geführt hatte um für Diospi Suyana zu werben, hatte sich erfüllt. Im Vertrauen auf Gottes Hilfe war ein Monument des Glaubens an die Realität Gottes entstanden.

Am nächsten Tag schritten 1200 Besucher andächtig durch die langen Gänge des Krankenhauses. Die Bedeutung der vielen Geräte verstanden sie wohl kaum, aber die Botschaft, dass Gott real ist und uns liebt ging in alle Herzen.

Gut 95 % des Bauvorhabens sind abgeschlossen. Mit den vielen Geräten befinden sich tatsächlich über 5 Millionen USD auf einem Plateau vor den Toren der Stadt Curahuasi. 34 Mitarbeiter stehen bereit oder lernen in der Sprachschule fleißig Spanisch. Eine genaue Analyse der anstehenden Innenarbeiten hat einen fehlenden Geldbetrag von 250.000 USD ergeben. So beten wir wie so oft in den letzten Jahren um Gottes Beistand und Hilfe. Möge er es schenken, dass wir bereits im Oktober die ersten Patienten behandeln können.

Klaus-Dieter John