Ein Leben ohne Gott

„Die Leute sagen gewöhnlich, dass Indien das religiöseste Land der Welt ist. Vielleicht stimmt das sogar, aber viele Inder leben in ihrer Lebenspraxis wie Atheisten. Ich war einer von ihnen.

Für mich war die Religion völlig langweilig. Wenn ich Priester singen hörte, ob Hindus, Budisten, Christen oder andere spielt keine Rolle, hörte sich das für mich an wie Klänge ohne jeden Sinn. Ich wollte nichts wie raus aus diesen Gebäuden, die für sie angeblich heilig waren.

Ihre Glaubensvorstellungen waren für mich bloßer Aberglaube, etwas um die Ängste des Lebens zu beruhigen. Dieser Glaube nährte das Ego jener „Täter“, die ihre Nachfolger mit Gebetsformeln (Mantras) kontrollierten, so oft heruntergeleiert, dass sie plötzlich für die Existenz der Menschen unersetzlich wurden.

Die Fixierung auf Gurus erfreut sich in der modernen Zeit in Indien großer Popularität, weil die Säkularisierung, die Europa in die ganze Welt exportiert, die Menschen innerlich leer und für jedwede Idee empfänglich zurücklässt. Um mit Nietzsche zu sprechen, war Gott für mich nur ein erfundenes Wesen. So ließe sich meine eigene Situation kurz und knapp beschreiben.

Aber als Ergebnis wurde diese Welt, die angeblich nur durch einen Zufall entstanden ist, das Leben ohne jeglichen Sinn, die Moral ohne absoluten Bezugspunkt, die Auffassung, dass alles nur relativ sei und der Tod das letzte Vergessen sei, für mich unerträglich. Ich zog dieses finale „Ausgelöschtsein“, der schweren Last eines leeren Lebens ohne Gott vor.  

Im Gegensatz zu dem, was Atheisten behaupten, führt die Bürde ihrer Anschauungen zu einer Existenz ohne Herz, ohne Sinn und vollkommen hohl. Vielleicht erinnern Sie sich, dass der Philosoph Friedrich Nietzsche, einer der Vorläufer von Sam Harris, der den Atheismus dem Glauben an Gott vorzog, die Existenz ohne Gott auch genau so beschrieben hat.

In einer Welt ohne Gott, sagte Nietzsche, treiben wir für immer durch das Nichts, ohne ein Oben und Unten. Wir müssen Laternen in der Morgendämmerung anzünden und heilige Spiele erfinden um religiöse Zeremonien zu ersetzen. Schließlich erlangte Nietzsche zur Erkenntnis, dass sich ohne Gott ein allgemeiner Wahnsinn breitmachen würde, wenn nämlich der Menschheit bewusst würde, dass sie Gott beseitigt hätte.

Jener Nietzsche verbrachte die letzten 13 Jahre seines Lebens in der Dunkelheit des Wahnsinns. Seine Mutter, eine überzeugte Christin, saß an seinem Bett und pflegte ihn."