
Ein Änderungsschneider als Therapeut und Hoffnungsbringer
Am Mittwoch fahre ich los und werde hoffentlich um 18 Uhr mit der Fähre gut auf die Insel übersetzen. Da ich die Ärmel meiner Jacke kürzen lasse, sitze ich am Dienstagabend in einer Änderungsschneiderei. Der ältere Herr ist über 70 Jahre alt und arbeitet von morgens bis abends. Wie ich höre ist er Aramäer und gehört damit zu einer uralten semitischen Volksgruppe. Die Aramäer wurden besonders im Osmanischen Reich verfolgt. Tausende starben, weil sie Christen waren. Viele ihrer Kirchen und Klöster hat die Türkei verstaatlicht.
Mein lieber Änderungsschneider – sei Name ist mir leider nicht geläufig – arbeitet zu später Stunde an meinem Textil. Auf einem Stuhl neben mir sitzt Frau Schmidt. Sie hat mit dem Mieter des Ladens eine Gemeinsamkeit: Beide wissen nicht genau, wie alt sie sind. „In der Türkei haben wir bei Männern oft unser Alter gesenkt, um nicht so früh in den Militärdienst zu müssen!“, erklärt mein Gesprächspartner. Frau Schmidt kam wahrscheinlich 1937 in Berlin zur Welt. Ihr Mann starb vor drei Jahren und nun leidet sie an einer offenen Wunde am Schienbein und an ihrer Einsamkeit. Also besucht sie tagtäglich meinen Änderungsschneider und schaut ihm beim Nähen zu.
„Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“, frage ich die werte Dame. „Nein“, sagt sie und schüttelt ihren Kopf. – „Dann werden Sie ihren Mann also nie wieder sehen?“ – Meine Frage trifft ins Schwarze. „Wir hatten eine gute Ehe 60 Jahr lang. Aber mit dem Tod ist alles aus!“
„Denken Sie, dass es Gott gibt?“ – Wenn ich etwas in meiner Kinderstube gelernt habe, dann das eine, nämlich Fragen zu stellen. Die Dame in gereiftem Alter winkt ab. „Nein, Gott kann ich mir nicht vorstellen!“
„Doch, natürlich glaube ich an Gott!“, mischt sich mein aufmerksamer Änderungsschneider ein und schaut von den Ärmeln meiner Jacke zu uns herüber. Der fleißige Schneider erzählt gleich von einer Gebetserhörung in seinem Leben. Die Ärzte hatten seinen Neffen längst aufgegegeben, berichtet er, aber nachdem viele Frauen in der Kirchengemeinde für ihn beteten, kam er in wenigen Stunden wieder zu Bewusstsein.
Wie ich höre, kümmern sich der Aramäer und seine Gattin um Frau Schmidt. Sie verbringen Zeit mir ihr und geben ihr Ermutigung und Ratschläge. Ihr Arzttermin am heutigen Mittwoch wegen der Wunde am Unterschenkel verdankt sie auch dem Drängen meines Schneiders.
Die Jacke sitzt wie angegossen und ich verabschiede mich per Handschlag. Der Änderungsschneider ist fleißig, liebenswert und gutherzig. Er ist mit sich und der Welt zufrieden, trotz der Verfolgungen, die seine Volksgruppe erlitten hat. Seine religiösen Vorstellungen sind mehr als eine allgemeine Weltsicht. Auf der Grundlage des Glaubens steht sein Leben fest gegründet. Und ich habe keine Zweifel, dass seine Verbindung zu Gott ihn motiviert, ein offenes Ohr für Frau Schmidt zu haben, deren Alter ich mit 86 Jahren errechnet habe. Auch wenn sie sich da selbst nicht ganz sicher ist.
In unserer kleinen Wiesbadener Dachwohnung wasche ich einen Pfirsich. Da fällt mein Blick auf ein Kreuz an der Wand. „Der Herr ist mein Hirte“, steht am unteren Rand. „Mir wird nichts mangeln!“ Sofort denke ich an Frau Schmidt, die ohne einen Hirten auskommen muss, weil sie nicht an ihn glaubt. Und natürlich fällt mir dann mein Änderungsschneider ein, dessen Leben so positiv wirkt, weil er fest mit Gott rechnet. /KDJ
(Bildlegende: Eine aramäische Kirche aus der Türkei)











