Ein Taxifahrer rückt es in die rechte Perspektive

Um drei Uhr in der Nacht quäle ich mich ins Taxi. Ich habe überhaupt keine Lust nach Lima zu reisen. Aber was sein muss, muss sein.

Um 5:15 gibt es Diskussionen am Schalter von “Star Peru”. Mein Flug wurde zwar von meiner Frau reserviert, aber mit meiner Mastercard stehe ich auf verlorenem Posten. “Wir akzeptieren nur Visa”. Also ziehe ich los, um das Geld für den Flugpreis aufzutreiben.

Als ich aus dem Halbschlaf aufwache, stelle ich fest, dass die Maschine immer noch am Boden ist. Wegen schlechten Wetters verschiebt sich der Start um eine Stunde.

Meine erste Station in Lima ist auch gleich der Höhepunkt des Tages – ich habe eine Audienz beim Rektor der Universität Villarreal. Er nimmt sich 90 Minuten für mich Zeit, eine gute Nachricht. Leider wird die Universität ihren Standpunkt nicht ändern und unsere Ärztetitel nicht anerkennen, eine schlechte Nachricht.

Fast ein Jahr lang hatte ich ein Dokument nach dem anderen eingereicht. Es war wohl alles umsonst gewesen. Ich soll jetzt einen förmlichen Antrag abgeben, damit die Uni die von uns bezahlten 2500 USD zurückzahlt.

Um die Mittagszeit besprechen die Leute der Zollagentur Prosoi mit mir die Liste unseres Containers # 17. Probleme zeichnen sich ab. 27 OP-Schuhe sind diesmal das Ärgernis. Die Schuhe wurden vorher nicht desinfiziert und müssen unter Umständen im Zoll aus dem Container geholt werden. Man darf so einen Gedanken gar nicht zu Ende denken. Als kleinen Trost zeigt mir Carmen Rosa die Nummernschilder unserer Unimog-Ambulanz. Fast drei Monate haben die Behördengänge gedauert. Bei Unimog Nr. 2 will Prosoi alle Unterlagen zurückfordern, um sie dann am Nachbarschalter erneut einzureichen. Vielleicht findet sich dort ein kooperativer Beamter.

Am Nachmittag rufe ich bei der Firma Ahseco an. Das Unternehmen könnte unsere Blutbank komplett ausstatten, wenn der Chef das nur wollte. Aber will er das? Ich bekniee die Sekretärin, um bis Freitag einen Termin mit dem Firmeninhaber zu bekommen. Der Ausgang ist ungewiss.

Zwischen Tür und Angel rufe ich im Präsidentenpalast an. Dr. Seminario will sich nun um ein Treffen mit den entsprechenden Sachbearbeitern der Universität San Martin bemühen. Sowohl der Gesundheitsminister als auch der Staatspräsident verfügen über gute Kontakte. Beide wollen uns bei den Lizenzen helfen.

Es wird schon dunkel, als ich die Firma Dive Motors erreiche. Die Mercedes-Vertretung wird wohl eine Ambulanz spenden, aber der fehlende Innenausbau legt alles erst einmal aufs Eis. Am Freitag will einer der Direktoren von Dive Motors befreundete Firmen zur Mitarbeit gewinnen.

Ein Anruf des Finanzamtes in Cusco entlockt mir ein Seufzen. Ein Scheck über 25.000 USD (Steuerrückzahlung) hängt immer noch in Lima fest. “Vielleicht in der nächsten Woche!” So etwas in dieser Art habe ich aber schon öfters gehört.

Der Nieselregen in Lima ist lästig. Ungemütlich ist das richtige Wort. Im Stadtteil Surquillo finde ich zwei Birnen für eine unserer Operationslampen im Operationssaal # II. “Genug für heute!”

Der Taxifahrer ist offensichtlich gut drauf, das merke ich gleich. 30 Minuten habe ich Zeit mir seine Lebenssituation anzuhören.

Er ist 31 Jahre alt und schrubbt Woche für Woche 80 Stunden lang endlose Kilometer im Verkehrsgewühl der Hauptstadt. Seine Frau muss ebenfalls arbeiten. Ihre zwei kleinen Kinder sehen mehr die Oma als die Eltern.

Mit seinen rund 120 Arbeitsstunden pro Woche erreicht das Ehepaar einen Monatslohn von 650 Euro. Irgendwann wird es vielleicht für ein eigenes Auto reichen, dann müsste Humberto am Abend nicht mehr 40 % seiner Einnahmen an die Taxiagentur abliefern.

Mein Trübsinn verfliegt während der Fahrt durch Lima ziemlich schnell. “Was habe ich es doch gut”, denke ich. Beim deutschen Bäcker steige ich aus und kaufe mir erst einmal eine anständige Brezel. / KDJ