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Radio Diospi Suyana

Zurück zu den Wurzeln

Sie alle waren tapfer, hart im Nehmen und gläubig

Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, tappen wir meist im Dunkeln wohin wir gehen. Unsere Vorfahren spielen für unser Lebensschicksal eine ganz besondere Rolle. Ihre Gene tragen wir in jeder unserer Zellen und von ihnen haben wir direkt und indirekt gelernt. Ob wir wollen oder nicht, wir sind Glieder einer langen Kette von Menschen, deren Geschichte wir teilen.

Meine Vorfahren mütterlicherseits folgten der Einladung Katharinas der Großen und zogen nach Wolhynien, das ein Teil der heutigen Ukraine ist. Sie rodeten die Wälder und bauten deutsche Kolonien auf. Ein entbehrungsreiches Leben und doch brachten sie es durch ihre harte Arbeit zu einem bescheidenen Wohlstand. In den Wirren der beiden Weltkriege gerieten sie immer wieder in ethnische Spannungen zwischen Polen, Ukrainiern, Weißrussen und Deutschen.

Vor dem Haus der Familie Reinsch in Lottin.

1929 siedelten Julius und Olga Reinsch (Bildmitte) mit ihren Kindern in die Gegend um Neustettin über und übernahmen im pommerischen Lottin einen Bauernhof. Meine Mutter Wanda (ganz links) war 1936 gerade mal 12 Jahre alt, als das obige Bild entstand. Bis auf meine Tante Albertine (zweite von rechts), die heute mit 94 Jahren in Wiesbaden lebt, sind alle anderen irgendwo beerdigt.

Es ist der Verdienst meiner ältesten Tante Leokadia (fehlt oben auf dem Bild) und ihrer Tochter Ruth-Rabenau sowie ihres Neffen Reiner Janke, das viele Details der Familiensaga in gedruckter Form vorliegen. Als ich ihren aufschlußreichen Bericht gestern Abend las, war ich dankbar, dass mir so ein mühsames und gefährliches Dasein erspart blieb.

Niemand will im Pferdewagen mit wenigen Habseligkeiten fliehen und dabei dem Beschuss vorbeifahrender Panzer und feindlicher Tiefflieger ausgesetzt sein. Wochenlang bestimmten Angst, Ungewissheit, Hunger und Kälte ihren Tagesablauf. Im Treck erreichten sie Stralsund. Meinen Opa brachte man dort alleine auf eine Isolierstation. Oma wurde in ein anderes Spital eingeliefert. Meine Mutter Wanda, damals 21 Jahre alt, schrieb einen Zettel und teilte ihrem Vater mit, das Mutter mit Typhusverdacht in ein Krankenhaus gekommen sei und sie weiterfahren müssten, jedoch ohne Ziel. Diesen Zettel gab sie einer Krankenschwester mit der Bitte, ihn an Vater weiter zu leiten. Als er den Zettel mit der Nachricht bekam, brach sein Herz. Die Schwester sagte nachher, er hätten den Zettel immer wieder gelesen und nur geweint. Nach drei Tagen starb er, mein Opa. (Angelehnt an den Wortlaut meiner Tante Leokadia)

Alle meine Großeltern auf seiten meiner Mutter und meines Vaters und alle meine Tanten und Onkel klammerten sich an den Glauben an Gott. Die Überzeugung, dass eine höhere Macht sie begleitet und liebt, trotz aller Schicksalsschläge, half ihnen im Westen aus dem Nichts eine neue Existenz aufzubauen. Die Personen auf dem Bild oben habe ich mit Ausnahme meines Großvaters noch persönlich kennengelernt. So weiß ich, dass die Hoffnung auf Gott das Zentrum all ihres Strebens war bis zu ihrem Ende. Gott zählte für sie mehr als ihr Geld, ihr Erfolg und ihre Gesundheit. Während meiner Kindheit habe ich nie daran gezweifelt, dass ihre Zuversicht auf den Allerhöchsten echt war. Sie lasen täglich ihre Bibel und vertrauten sich Gott im Gebet an. In unserer Familie kniete mein Vater allabendlich rechts vom Ehebett nieder und meine Mutter links. Diese Eindrücke bestimmen mein Leben bis heute.

Als junger Mann wollte ich den Glauben meines Vaters einmal testen. Ich war bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. Über die Sprechanlage sagte ich: “Papa ich habe einen Penner von der Straße mitgebracht. (Was gar nicht stimmte.) Kann er bei uns mitessen?” – Mein Vater antwortete ohne nur eine Sekunde zu zögern. “Natürlich, er ist uns herzlich willkommen!” /KDJ

1962 oder 1963. Meine Mutter Wanda und mein Vater Rudolf mit uns vier Kindern. (V. l. n. r.) Hartmut, dann ich und rechts Helga. Hinten steht meine ältester Schwester Gerlinde. Zwischen den beiden Bildern liegen 27 Jahre. Meine Mutter ist von ihrem Bild als Zwölfjährige kaum wiederzuerkennen.