Wir können über den Glauben philosophieren oder ihn leben

Und sogar wegen unseres Glaubens leiden

Am Morgen des 15. März 2015 geschieht vor zwei Kirchen in Youhanabad (Pakistan), einem Stadtteil von Lahore, das Unfassbare: Fast zeitgleich gehen zwei Bomben hoch – ein doppeltes Sprengstoffattentat! Knapp 2000 Kirchenbesucher befinden sich zu der Zeit in den beiden Gotteshäusern, die etwa 500 Meter voneinander entfernt liegen. 20 Menschen sterben sofort, weitere spätere im Krankenhaus, über 100 sind teilweise schwer verletzt.
Baseema war gerade in der Kirche, als es passierte. Sie arbeitet seit 11 Jahren als einzige christliche Lehrerin an einer staatlichen Schule und hatte im Vorfeld schon viel von dem Anschlag in Pashawar im September 2013 gehört, als 80 Christen getötet und Hunderte verletzt worden sind.

“Doch es ist etwas anderes, wenn man selber so etwas erlebt, wenn man mittendrin ist”, erzählt sie einige Zeit nach dem Anschlag. Die Gewehrschüsse, der große Knall, die Geräusche, Schreie, das Blut, die Gerüche, die Unübersichtlichkeit, die panischen Gedanken: Was ist passiert? Wohin kann ich fliehen? Was geschieht als Nächstes? “Dieser Tag hat mein Leben verändert.”

Buchcover: Asia Bibi

Baseema verliert durch das Attentat gute Freunde und Verwandte darunter ein junges Ehepaar. Die Frau war im achten Monat schwanger. Sie kam gerade vom Nachtdienst als Krankenschwester zur Kirche, als die Bombe vor der Tür explodierte. Ihr Mann, der ihr entgegenkam, starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Sie hinterlassen eine zweijährige Tochter, Maria. Das kleine Mädchen, das in der Kirche überlebte, hat bis heute noch nicht verstanden, dass ihre Eltern sie nicht mehr abholen werden. Nun kümmert sich Baseema um sie.

Die junge Frau stammt aus einer angesehenen Lehrerfamilie. “Aber nun”, so sagt Baseema, “halte ich mein bisheriges Leben für wertlos. Früher waren mir Wohlstand und Anerkennung wichtig. Meine Lebensziele waren materieller Reichtum, Einfluss und Glück. Dann hat Jesus mein Leben berührt. Ich habe das Leben neu  geschenkt bekommen wie bei der Geburt, wie ein zweites Leben. Seit diesem Tag sind Gott und seine Sache das Wichtigste in meinem Leben, alles andere zählt nicht mehr. Nur Gott zählt. Was er von mir will, das will ich tun. Als mir bewusst wurde, was geschehen war, habe ich mich gefragt, ob Gott mein Leben bewahrt hat, damit ich es ganz für ihn lebe. Das bedeutet: dem Vorbild von Jesus zu folgen, mein Kreuz auf mich zu nehmen – eines Tages vielleicht auch einmal mein Leben für meine Glaubensgeschwister einzusetzen. Auf jeden Fall spreche ich jetzt in der Schule gegenüber meinen muslimischen Kollegen offener über mein Christsein.”

Baseema hat dabei das Beispiel eines Freundes vor Augen: Asim. Der junge Mann konnte nur bis zur achten Klasse zur Schule gehen, weil seine Eltern nicht mehr in der Lage waren, das Schulgeld zu bezahlen. Er war Metzgerlehrling. An dem besagten Sonntag ist er Teil des freiwilligen Sicherheitsdienstes, der bei jedem Gottesdienst die Kirche von außen absichert. Als mehrere junge Männer mit Gewehren gegen Ende des Gottesdienstes auf die Kirchentür zusteuern, stellt er sich den Angreifern entgegen. Daraufhin schießen die Terroristen um sich.

“Lass mich rein in die Kirche, ich habe eine Bombe” Ich sprenge dich sonst in die Luft”, ruft einer Asim zu. Der aber stoppt ihn, hält ihn fest, umarmt ihn und ruft: “Ich lasse dich nicht durch, auch wenn ich mit dir sterben muss!” Da geht die Bombe hoch.

Durch den Einsatz von Asim blieben die etwa 500 Gottesdienstbewohner im Inneren der Kirche unversehrt. Lediglich die Christen, die gerade außerhalb der Kirche standen, waren vom Attentat direkt betroffen.

“Wir sind sehr traurig, dass wir einen Sohn verloren haben, aber größer ist unsere Freude über den Mut unseres Sohnes, der vielen Menschen das Leben retten konnte”, erklärt Asims Mutter Mitarbeitern einer christlichen Hilfsorganisation. Nun hat der jüngere Bruder seinen Platz am Eingangstor der Kirche übernommen…

Baseema wird Asims Einsatz und ihren eigenen Vorsatz nie vergessen. Eindringlich sagt sie: “Ja, dieser Tag hat mein Leben verändert. Aber ich bin auch dankbar dafür.”

Für die Drahtzieher galt der Anschlag als misslungen, doch ihr Hass triebt sie bis heute an….

…Mit dieser ständigen Bedrohung müssen die Christen in Pakistan nun leben. An ihren Häusern hängen die Bilder der Verstorbenen. Die Trauer ist groß, doch sie lassen sich nicht abschrecken: Eine Woche nach dem 15. März sind doppelt so viele Menschen im Gottesdienst wie am Tag des Attentats. Sie stehen zusammen – trotz des Hasses, trotz der Gefahr. (Auszug aus dem Buch “Asia Bibi – Eine junge Frau glaubt um ihr Leben! – Brunnen Verlag)