Facebook | 

Radio Diospi Suyana

Und um 8 Uhr spielte die Trompete

Es gibt viel zu tun – wo fangen wir an?

6 Uhr am Morgen. Es geht los. Der erste Telefonanruf. 53 weitere werden bis zum Abend folgen. Wir suchen dringend zwei Ärzte mit Intensiverfahrung. Aber wo sollen wir diese Fachkräfte nur hernehmen? Man kann sie nicht aus dem Hut zaubern. Selbst der peruanische Staat will händeringend 1000 zusätzliche Stellen besetzen. Ob wir vielleicht noch zwei Beatmungsgeräte auftreiben können? Doch der Markt ist leergefegt. Alles ausverkauft. Ein Telefongespräch jagt das nächste. In den USA bestellen wir einen zusätzlichen Sauerstoffgenerator. Wie lange wird es dauern bis die Luftfracht in Peru eintrifft?

Endlich habe ich ihn an der Strippe. Der frühere Präsident der Gesellschaft für Anästhesie verspricht aktiv nach einem Arzt für uns Ausschau zu halten. “Ich habe 3000 Ärzte in meiner Datenbank”, sagt er, “aber fast alle sind natürlich vertraglich eingebunden!”

Eine alte E-mail-Anschrift ins Blaue angeschrieben. Minuten später die Antwort mit einer aktuellen Telefonnummer. Dann der Termin. Es wird schwierig einen Taxifahrer zu überzeugen, so weit aus Lima herauszufahren. Schließlich haben wir Glück. So sprechen Steven de Jager und ich gegen 15:30 Uhr mit dem Präsidenten von Acsai. Er steht einem Netzwerk christlicher Ärzte vor. “Ich werde in den nächsten 48 Stunden herumtelefonieren, um ihnen zu helfen!” Die Zusage von Dr. Ruben Sifuente (Bildmitte oben) macht Mut.

Fortbildung am Hospital Diospi Suyana. Im fernen Curahuasi lernen Ärzte und Krankenschwestern mehr und mehr, was bald über sie hereinbrechen könnte, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Die Stimmung hebt sich, als 1500 Astronautenanzüge angeliefert werden. Aber trotz der Schutzkleidung zeigt die Statistik, dass das medizinische Personal einem extrem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt ist.

Im Lima müssen viele Nüsse geknackt werden. Telefonisch bitte ich einen Berater des Staatschefs um ein Gespräch. Doch der steckt in der Quarantäne. Das Büro des Gesundheitsministers reagiert nicht, aber die Sekretärin des Vize antwortet unserer Kontaktperson. Ob sich daraus ein Treffen auf höchster Ebene schmieden lässt? Nur Gott weiß es.

Doris Manco stellt einen Kontakt zum Präsidenten eines großen Kirchenbundes her, zumindest zu seinem Büro. Das Schlüsselwort heißt: Networking. Am Netzwerk basteln.

Eine tiefe Stimme meldet sich im Hörer: “Ich hätte da vielleicht ein Beatmungsgerät für Sie!” Augenblicklich bin ich hellwach. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Und der Preis? “Den sage ich Ihnen morgen!” Der Firmenchef bleibt geheimnisvoll. Wir treffen uns morgen um 10 Uhr. Vorausgesetzt, das Gerät ist dann noch zu haben.

Meine Frau Martina brütet mit einigen Kollegen über einem Text an die Regionalregierung. Das Kooperationsabkommen muss mit Leben gefüllt werden. Also Butter bei die Fische. Im Gästehaus prüft Steven sorgfältig die Zahlen. Minimale Veränderungen. Wie wird der Gouverneur reagieren?

20 Uhr. Im Nachbarhaus gegenüber spielt eine junge Dame die Trompete in die Dunkelheit hinaus. Die peruanische Nationalhyme. An den Fenstern hängen die Menschen und lauschen. Sie alle haben diese Melodie schon 1000 mal gehört. Aber hier geht es um menschliche Solidarität. Jeder versteht das. Anhaltender Applaus, als der letzte Ton verklungen ist.

Mit Steven rede ich noch lange über mögliche Regeln für die Ethikkommission. Zehn Beatmungsplätze, aber vielleicht der zehnfache Bedarf. Wer darf leben, wer muss sterben? “Egal wie, wir werden uns danach schuldig fühlen”, sage ich. Steven nickt.

Draußen in den Straßen bleibt es still. Kein Auto fährt. Kein Lachen. Keine Musik. Morgen dürfen in Peru nur die Männer vor die Haustür, um Einkaufen gehen. Am Samstag sind dann die Frauen an der Reihe.

Ein Eintrag auf der Webseite und ein Gebet. Die Nacht ist zum Schlafen da und niemand weiß, was der morgige Tag bringen wird. /KDJ

Eine der vielen Fortbildungsveranstaltungen am Hospital Diospi Suyana zum Thema “Coronavirus”
Gästehaus in Lima. Jeden Abend um 20 Uhr spielt eine Nachbarin die peruanische Nationalhymne.