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Radio Diospi Suyana

Sind Missionsärzte Leute auf dem Ego-Trip?

Nicht wahr, ihre Kinder müssen es ausbaden!

Dr. Benjamin Zeier, seine Frau Lena und ihre fünf Kinder leben seit einigen Tagen in Curahuasi. Interessanterweise musste sich der Notfallmediziner und Urologe im vergangenen Jahr mit dem gleichen Vorwurf auseinandersetzen, wie meine Frau und ich 1998, als wir entschieden, ein Leben lang als Missionsärzte zu arbeiten. “Ihr seid Egoisten, die ihren Traum leben, auf Kosten der Kinder!” /KDJ

Dazu ein Kapitel aus dem Buch: “Der Aufbruch – Erinnerungen und Begegnungen” von Dr. Benjamin Zeier

Meine erste Sprechstunde im Jahr 2019 begann um 7 Uhr morgens. Es war der 7. Januar. Als ich 11 Stunden später die Praxistüre hinter mir zuschloss, hatte ich fast 50 Patienten gesehen. Die Mittagspause hatte ich in der Klinik verbracht, um dort konsiliarärztlich Patienten zu versorgen. Mir dröhnte der Kopf. Wie in jeder Sprechstunde mussten auch heute Therapieerfolge überprüft werden. Einige Therapiekonzepte mussten überdacht und geändert werden. Und für eine Handvoll Patienten hatte ich zum Jahresanfang keine guten Botschaften.

Ich fuhr nachdenklich den kurzen Weg nach Bad Rappenau. Dort lag eine weitere Schicht als Notarzt vor mir. Für mich waren diese freiwilligen Bereitschaftsdienste eine dankbare Abwechslung. Und so freute ich mich schon den halben Tag darauf. Es war 20.45 Uhr. Ich hatte mich inzwischen hingelegt. Da vibrierte mein Handy – eine eingehende SMS. Diese SMS begann mit einem netten „Hallo Benny, hier schreibt…“ und endete mit dem Satz „Teil zwei folgt!“ Das Ausrufezeichen ließ mich daran zweifeln, ob ich den weiteren Teil überhaupt empfangen wollte. Mein Bauchgefühl bestätigte sich wenige Minuten später. Es folgten mehrere SMS mit über 2000 Zeichen, die mir deutlich machten, dass hier jemand mit unserer Entscheidung zum Aufbruch nicht einverstanden war. Sie hatten unser Buch kurz vor Weihnachten erhalten und offensichtlich durchgelesen.

Herausgearbeitet wurden fachliche und theologische Fehler in meinem Buch, gefolgt von Vorwürfen, die eigenen Bedürfnisse über die Beziehung zu meinen Kindern gestellt zu haben. Es folgte das Infragestellen unseres Rufes nach Peru. Viele Bedenken wurden geäußert. Und einer der Sätze lautete: „Daher zähle ich nicht zu den Befürwortern!“ Ein „PS“ machte den Abschluss der fünften SMS. „Kann ich die Lektüre weitergeben oder soll ich sie euch zurückbringen?“ Ich antwortete an diesem Abend nicht.

Zwei Stunden später riss mich der Melder unsanft aus dem Schlaf. Ein Patient mit einem Krampfanfall benötigte dringend notärztliche Hilfe. Als ich kurz vor Mitternacht wieder in meinem Bett lag, konnte ich nicht einschlafen. Ich dachte über diese Nachricht nach. Ich fragte mich, was Menschen dazu bewegt, uns zu demotivieren einen solchen Schritt zu wagen. Würde ich mein bequemes Leben hier zurücklassen, nur wegen eines ärztlichen Ego-Trips? Konnte ich in der Kritik auch irgendetwas Gutes finden? Ich kam zu dem Entschluss, diese Nachricht stehen zu lassen. Ich wollte mein Herz vor einem Beurteilen und gleichzeitigen Verurteilen bewahren. Beides liegt ja nicht weit auseinander. Ich bin mir sicher: Wir sind auf dem richtigen Weg.

Als mein Melder um 6.38 Uhr das nächste Mal klingelte, war Schichtwechsel meines Fahrers. Der Fahrer des Notarztfahrzeuges vom Tagdienst war etwas früher da. Ich sprang hastig in meine Notarztklamotten, zog die Sicherheitsschuhe an und stiefelte das Treppenhaus hinunter. Unser Einsatzfahrzeug steht hier in der Tiefgarage. Als ich am Auto ankam, wechselten die Notfallsanitäter den Autoschlüssel.

Routinemäßig werden vor Schichtbeginn alle Geräte gecheckt. An diesem Morgen blieb dafür keine Zeit. Wir mussten direkt los. Normalerweise kannte ich meine Fahrer. An diesem Morgen saß ein neues Gesicht hinter dem Lenkrad. Er war als Springer auf unsere Wache rotiert, da ein Kollege krankheitsbedingt ausgefallen war. Bis zu diesem Morgen hatten wir nicht zusammen gearbeitet. Das Auto rollte aus der Einfahrt, während ich mir verschlafen die blauen Handschuhe anzog. Der Gurt klemmte. Das ist immer der Fall, wenn man sich anschnallt, während das Fahrzeug schon in Bewegung ist. Mit zerzausten Haaren und Falten im Gesicht saß ich müde auf dem Beifahrersitz. Die Zähne waren noch nicht geputzt und ich hatte noch keinen Kaffee getrunken. Auf der Anfahrt zum Patienten wurde ich mit einem Mal hellwach. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte.

Während wir mit Blaulicht und Tatütata durch die Stadt rasten, stellte er sich kurz vor: „Hallo, ich bin Denis. Ich habe dein Buch auf der Wache gesehen. Ich finde das cool, was ihr macht.“ Und dann berichtete er aus seinem Leben. Er strahlte dabei übers ganze Gesicht.

„Als ich zwölf Jahre alt war, ging mein Vater als Missionar nach Südafrika. Ich habe damals meinen Onkel gefragt, ob er mich adoptieren würde. Ich wollte nicht weg von daheim. Ich hatte Freunde. Die mussten ja alle da bleiben. Aber im Rückblick war das die schönste Zeit in meinem Leben. Was wir da unten alles erlebt haben! Nicht nur gute Sachen.“ Er erzählte von Freunden, die auch als Missionare da waren und ihr Kind auf tragische Weise verloren hatten. Über die Beerdigung und das, was es in ihm ausgelöst hatte. Über seine kleine Schwester, die sich an einem Hobel schwer verletzt hatte und mehrere Operationen benötigte. Über den alten VW Bus, den die ganze Familie morgens anschieben musste, weil der Anlasser nicht funktionierte. Und darüber, dass sie einmal für zwei Wochen nichts anderes als Kartoffeln zum Essen hatten. All die wunderschönen und manchmal schweren Momente. Auch wenn ihm manches Leid in Deutschland erspart geblieben wäre, war seine Meinung glockenklar. Denis war sich sicher, dass er eines Tages wieder als Missionar ins Ausland gehen würde – dann mit seinen eigenen Kindern. „Die schönste Zeit meines Lebens waren die Jahre in Südafrika. Wenn ich einmal Kinder habe, werden wir in die Mission gehen. Nur damit meine Kinder das erleben, was ich erleben durfte.“

Ich hörte ihm still zu. Freude stieg mir vom Herz ins Gesicht. Hier sprach keine Psychologin, die sich als Expertin sicher war, dass Missionarskinder irgendwann bei ihr auf der Couch sitzen würden. Neben mir saß ein Missionarskind und berichtete aus erster Hand. Dieser junge Mann stand inzwischen mitten im Leben. Gut ausgebildet, war er seit Jahren Teil des Rettungsdienstes in Heilbronn. Er wirkte fröhlich und ausgeglichen. Ein geschädigtes Missionarskind, das psychologische Hilfe benötigte, hatte ich mir anders vorgestellt. Kurze Zeit später waren wir beim Patienten angekommen. Professionell arbeiteten wir gemeinsam diesen Fall ab.

Auf der Heimfahrt begann ich das Gespräch. „Denis, jetzt muss ich dir mal was erzählen“, waren meine einleitenden Worte. Und dann erzählte ich von meinem gestrigen Abend, wie ich müde nach der Sprechstunde im Notarztzimmer saß und besser mein Handy ausgemacht hätte. Über die entmutigende SMS und die Frage, warum sich jemand das Recht heraus nahm, zu urteilen, ohne die ganze Geschichte zu kennen. Ich erzählte ihm von den inneren Kämpfen und der Entscheidung, nicht zurückzuschlagen, sondern das Ganze stehen zu lassen. Und darüber, was es mir bedeutete, heute Morgen diese Geschichte von ihm gehört zu haben. Das war kein Zufall.

Denis hörte mir zu. Als ich fertig war, machte er eine letzte Bemerkung. „Als ich gestern Abend ins Bett ging, kam mir immer wieder ein Gedanke. ‚Du musst morgen dem Notarzt unbedingt von deinen Erfahrungen als Kind in Südafrika erzählen.‘ Ich wollte das zuerst nicht machen, da wir uns ja gar nicht kannten. Doch der Gedanke ließ mich nicht in Ruhe. Deshalb habe ich das heute Morgen als Erstes erledigt.“
Ich war so froh, die Geschichte so herum zu hören. Der Stimme von Denis maß ich einen höheren Wert bei. Nicht weil er meiner Meinung war. Nein, er berichtete aus erster Hand. Er hatte es selbst miterlebt. Er berichtete nicht aus der Distanz eines Therapiezimmers.

Das unterhaltsame und überaus lesenswerte Buch können Sie auf der Webseite der Familie Zeier bestellen. www.missionsarzt.de