Es gibt keine Heiligen

Wir alle fallen hin und stehen (hoffentlich) wieder auf

Um es gleich vorweg zu nehmen. Paulus nennt in seinen Briefen Menschen, die Jesus Christus vertrauen, Heilige. In diesem Sinne gehören alle Christen, die ihren Glauben auf ernsthafte Weise leben, in diese Kategorie. Aber damit hört es auch schon auf. Der Begriff “Heilige” bedarf einer detaillierten Definition.

Unlängst las ich ein Buch über Georg Müller. Er ist für die meisten Glaubensmissionen ein großes Vorbild. Während seines Lebens kümmerte er sich in Bristol um über 10.000 Waisen. Als ich am Ende des Textes angelangt war, wurde mir klar, dass die Beschreibung seiner Personalie einseitig ist. Es gibt also in der evangelischen Welt eine Art der Heiligenverehrung wie wir sie auch aus der katholischen Tradition kennen. Der heilige St. Martin, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt und unzählige andere Persönlichkeiten der Kirchengeschichte. Männer und Frauen werden zu Übermenschen hochstilisiert. Schlechte Seiten und persönliche Schwächen scheint es bei diesen Christen nicht mehr zu geben. Es handelt sich um ein religiöses Schwarz-Weiß-Denken. Und damit ist uns nicht gedient.

Das Cover des Buchs

Interessanterweise finden wir solche einseitigen Personenbeschreibungen nicht in der Bibel. David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, begeht Ehebruch und lässt einen loyalen Soldaten heimtückisch umbringen. Gideon rettet das Volk Gottes in größter Not, aber gegen Ende seines Lebens wird er selbst zum Verführer. Petrus schlägt einem Mann impulsiv mit dem Schwert das Ohr ab. Paulus und Barnabas streiten sich derart heftig, dass sie eine Trennung einer weiteren Zusammenarbeit vorziehen.

Gott schreibt seine phantastischen Geschichten mit Menschen, die in keiner Weise perfekt sind. Es sind Personen, die nicht so sind, wie sie gerne wären. Hinfaller und Aufsteher. Chronische Versager. Oder anders ausgedrückt, Nachfolger Christi, die wissen, dass sie Vergebung bitter nötig haben. /KDJ