Ein Sturm zieht auf


Wann bricht das Gewitter los?

Es ist ein seltsames Gefühl in einem fremden Land in Quarantäne festzustecken. 4.000 Kilometer von seiner Frau entfernt und 10.000 Kilometer von seinen Kindern. Ein schwerer Sturm braute sich am Nachmittag über Jaraguá do Sul zusammen und ein Wolkenbruch war die Folge. Vor einer halben Stunde hat der russische Diktator Putin das Minsker Abkommen aufgekündigt. Mit der Anerkennung der abtrünnigen Regionen Donetsk und Lugansk kann er dann den Hilferufen seiner Komplizen nachkommen und in die Ukraine einmarschieren. Die Welt fragt sich entgeistert, wie es möglich ist, dass in Europa ein autoritärer Staat für sich das Recht in Anspruch nimmt, ein anderes Volk zu überfallen. Der Ex-KGB-Mann Putin reiht sich mit seinen brutalen Entscheidungen nahtlos ein in die Liste “würdiger” Vorgänger. Zwei von ihnen hießen Hitler und Stalin.

Juri Georgijewitsch Felschtinski,  ein US-amerikanischer Historiker russisch-sowjetischer Herkunft, schreibt, dass Putin von der Ermordung des damaligen Diktators Muammar Gaddafis im Jahr 2011 zutiefst geschockt wurde. Immer und immer wieder hätte er sich in den letzten 11 Jahren im Internet die Videos über den Tod des damaligen Revolutionsführers Libyens angeschaut. Wenn selbst ein Gaddafi am Ende seines Lebens mit der Abrechnung eines unterjochten Volkes rechnen musste, dann könnte das gleiche Schicksal auch ihm blühen.

Die Enthüllungen durch Alexis Nawalny über die korrupten Umtriebe Putins, die über 100 Millionen Menschen teils angewidert, teil belustigt sahen, sollten das Schicksal des Kremlkritikers besiegeln. Nach einem missglückten Anschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok wurde der Journalist und Anwalt, kaum von der Uni-Klinik Berlin entlassen, in Moskau festgenommen und ins Straflager gesteckt. Die landesweiten Proteste gegen diese autoritären Willkürhandlungen schürten einmal mehr Putins Ängste ein ähnlich böses Ende zu nehmen wie Gaddafi.

Putin hat sicherlich keine Befürchtungen vor der Nato, wohl aber vor dem Entstehen freiheitlicher Gesellschaften an seinen Landesgrenzen. Als sich das weißrussische Volk gegen seinen Diktator Lukaschenko erhob, sandte Putin sogleich Truppen, um den Ruf nach Freiheit zu unterdrücken. Tyrannen können sich nie auf die wankelmütigen Massen verlassen, sondern nur auf Ihresgleichen. Und natürlich wäre auch die Ukraine als Teil einer westlichen Welt eine ständige Gefahr für den Kremlherrscher. Offene Gesellschaften sind bunt und attraktiv. Diktaturen grau und bleiern.

Seit 20 Jahren hat sich Wladimir Putin durch geschickte Verfassungsänderungen an der Macht gehalten. Potentielle Rivalen ließ er umbringen oder verschwinden. Nun will er es durchstehen bis zum Schluss. Und auf keinen Fall möchte er einmal so enden wie Gaddafi, massakriert von einem wilden Mob, oder Nicolae Ceausescu, der vor einem Erschießungskommando zusammenbrach, oder Saddam Hussein, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Dazu lässt er seine Truppen marschieren und ein Volk von über 40 Millionen Menschen bedrohen und – wie es aussieht – mit Krieg überziehen.

Als Christen sollten wir nicht so tun, als ob uns die Verbrechen der “starken Männer” nichts angingen. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hatte bis zu seiner Ermordung durch Hitlers Schergen eine Menge zu Papier gebracht, wie eine “verantwortungsvolle christliche Reaktion” aussehen könnte. /KDJ

1 Antwort
  1. Peter Hasselbach

    Wie wahr! Lieben Dank für diese Erinnerungen. Gottes Wille ist immer unsere Entscheidungsfreiheit gewesen. Sie ist den Christen heilig. Für dieses Gut lieben wir unseren Herrn.