Die Angst vor der Komplikation

Sonntag, 6. Februar – ein Anruf aus dem Gesundheitszentrum Curahuasi: Eine Geburt will nicht recht vorangehen, das Fruchtwasser sei schon grün. 30 Minuten später untersuche ich die 19jährige Patientin Adelma aus Saywite, einem Andendorf auf 3700m Höhe. Sie hat Fieber und das Fruchtwasser ist tatsächlich grün. Da sich nach Angaben des Gesundheitszentrums die Geburt schon viele Stunden ohne sichtbaren Fortschritt dahingeschleppt hat, entscheiden wir uns zu einem eiligen Kaiserschnitt.

Das OP-Team kommt zügig aus Curahuasi ins Krankenhaus und Dr. Dorothea Brady ist als Kinderärztin präsent. Das schon gammlig riechende Fruchtwasser lässt mich etwas erschrecken, aber laut Dorothea geht es dem kleinen Andy gut. Zur Sicherheit bekommen Mutter und Kind Antibiotika.

  

Bei den Visiten an den kommenden Tagen sehe ich ein gesundes Neugeborenes, aber Adelma hat etwas Fieber und die Wunde sieht nicht gut aus. Am 5. Tag eröffne ich mit dem Chirurgen Dr. Daniel Zeyse die Hautnaht und ein halber Liter Eiter fließt ab. Der Eiter kommt aber nicht nur von der Oberfläche, sondern tief aus dem Bauch. Also geht es erneut in den OP. Es ist Samstag und das Team rückt wieder an. Die Wunde wird gesäubert. Was mich erschrickt ist die Tatsache, dass auch die Uterusnaht vereitert ist und sich geöffnet hat. Das habe ich noch nie nach einem Kaiserschnitt erlebt. Wir schneiden die Wunde aus und nähen wieder alles zusammen – nur die Haut bleibt offen, damit der restliche Eiter abfließen kann. Nach weiteren fünf Tagen merke ich, dass es wieder aus der Tiefe zu eitern scheint.

  

Ich bekomme Angst, dass der Frau nur durch die Entfernung der Gebärmutter das Leben gerettet werden kann. Wir reden miteinander und ich deute meine Bedenken an. Die Angst ist zu spüren. Auch der Ehemann ist sehr verunsichert. Adelma bittet mich: „ora conmigo, hermano!“ – „bete mit mir, Bruder!“ Nichts lieber als das. Wir bitten Gott, dass es einen guten Ausgang geben wird und legen alles in SEINE Hände. Das erleichtert die Patientin und mich auch. Mit viel Geduld, täglichen Verbandswechseln wird die Wunde dann doch noch sauber und kann schließlich zugenäht werden. Am Donnerstag, vier Wochen nach dem Kaiserschnitt, konnten die Fäden gezogen werden. Gemeinsam dankten wir Gott.