Das Wort hat Matthew Parris

Ich packe gerade meinen Koffer, da fällt mein Blick auf einen Artikel in einer Zeitschrift. Hört sich interessant an, denke ich, und suche im Internet nach mehr Informationen. Eine Minute später lande ich bei Matthew Parris.

Er ist einer der bekanntesten Journalisten Englands, war viele Jahre im Britischen Unterhaus als Parlamentarier tätig und publiziert in vielen Zeitschriften u. a. auch in der Times. Er ist überzeugter Atheist und schwul übrigens auch. Man kann ihn mit Fug und Recht als Afrika-Experten bezeichnen. Dort in Afrika stand auch seine Wiege. Lesen Sie nun seinen Artikel aus der Times Online vom 27. Dezember 2008. Ich habe den Bericht mal für Sie übersetzt. Den englischen Text finden sie unter seinem Namen im Internet.

  

Überschrift: Als Atheist bin ich überzeugt, dass Afrika Gott braucht.

Missionare und nicht Entwicklungshilfegelder sind die Lösung für das größte Problem Afrikas – nämlich die erdrückende Passivität in den Köpfen seiner Menschen.

Matthew Parris –

Vor Weihnachten kehrte ich nach 45 Jahren zu dem Land zurück, das ich als Junge unter dem Namen Nyasaland kannte. Heute ist es Malawi. Der Weihnachtsspenden-Appell der „Times“ schließt die Arbeit einer kleinen britischen Wohltätigkeitsvereinigung dort im Lande ein. „Pump Aid“ hilft den ländlichen Dorfgemeinschaften einfache Pumpen zu installieren, damit die Brunnen verschlossen und dadurch sauber bleiben können. Ich machte mich also auf den Weg um mir ihr Projekt näher anzuschauen.

Mein Besuch dort war für mich eine echte Inspiration und hat meinen schwindenden Glauben an den Wert solcher Entwicklungshilfeprojekte gestärkt. Aber als ich durch Malawi reiste, gelangte ich zu einer weiteren Überzeugung: Eine, die ich stets ganz bewusst aus meinem Leben fernhalten wollte. Es handelt sich um eine Beobachtung, die ich seit meiner Kindheit in Afrika nie ganz ignorieren konnte. Sie erschüttert meine eigene Ideologie und weigert sich hartnäckig in mein Weltbild zu passen. Sie ist auch für meinen Glauben, dass es keinen Gott gibt, äußerst peinlich.

Nun, ich bin zwar ein bekennender Atheist, aber ich bin mittlerweile vom enormen Beitrag der christlichen Evangelisation in Afrika überzeugt. Sie ist grundsätzlich anders als die Arbeit säkularer Nichtregierungsorganisationen, Regierungsprojekte und internationale Entwicklungshilfe. All diese Aktivitäten sind nicht genug. Ausbildung und Anleitung alleine sind ebenfalls nicht genug. In Afrika ist es das Christentum, das die Herzen der Menschen verändert. Es bewirkt eine geistige Transformation. Diese Neugeburt ist real und die Veränderung ist gut.

Ich habe diese Wahrheit immer vermieden, indem ich dem praktischen Einsatz dieser Missionskirchen Afrikas applaudiert habe. Ich sagte gewöhnlich: „Es ist ein Jammer, dass die christliche Erlösung ein Teil dieses Pakets ist!“ Aber die schwarzen und weißen Christen, die in Afrika arbeiten, heilen die Kranken und bringen den Menschen das Schreiben und Lesen bei. Nur der härteste Verfechter der Säkularisierung würde nach dem Besuch eines Missionsspitals oder einer Missionsschule sagen, dass die Welt ohne diese Einrichtung besser dran wäre. Ich sagte früher, wenn die Missionare halt ihren Glauben brauchen, damit sie helfen, ist das für mich ganz okay. Für mich zählte alleine, dass sie halfen und nicht ihr Glaube.

Aber dieser Eindruck wird den Tatsachen in keiner Weise gerecht. Der Glaube leistet mehr als dass er nur dem Missionar Kraft spendet. Er geht auf seine Herde (frei: Kirchenmitglieder) über. Diese Wirkung ist von entscheidender Bedeutung, die ich (als Atheist) beobachte, ob mir das Recht ist oder nicht.

Zuerst einmal meine Beobachtung. Wir hatten Freunde, die waren Missionare. Als Kind blieb ich manchmal bei ihnen über Nacht. Gelegentlich übernachtete ich auch mit meinem kleinen Bruder in einem traditionellen afrikanischen Ort. In der Stadt hatten wir einige afrikanische Arbeiter, die zum Christentum übergetreten waren und einen starken Glauben besaßen. Die Christen waren tatsächlich anders.  Der Glaube schien sie befreit und gelöst zu haben. Auf keinen Fall führte er zu ihrer Unterdrückung. Bei ihnen entdeckte ich eine innere Lebendigkeit, eine Neugier, ein Interesse an der Welt und eine Offenheit im Umgang mit anderen Menschen. Alles Eigenschaften, die ich gewöhnlich im traditionellen afrikanischen Leben so sehr vermisste. Diese Christen standen aufrecht. 

Als ich 24 Jahre alt war, reiste ich durch den Kontinent und dieser Eindruck verstärkte sich. Vier Freunde und ich  fuhren in einem alten Land Rover von Algerien nach Niger, Nigeria, Kamerun und die Zentralafrikanische Republik. Danach durch den Kongo nach Ruanda, Tansania und schließlich nach Nairobi in Kenia.

Wir schliefen unter dem Sternenhimmel, deshalb war es immer wichtig für uns, dass wir ein sicheres Quartier bezogen, besonders als wir die stärker bevölkerten und gefährlicheren Gegenden der Sub-Sahara erreichten. Oft fanden wir so eine Bleibe in der Nähe von Missionsstationen.

Wenn wir eine Gegend betraten, wo Missionare arbeiteten, bemerkten wir einen veränderten Ausdruck in den Gesichtern der Menschen. Wir kamen nicht umhin, das zuzugeben. Da gab es etwas in ihren Augen, wie sie auf uns zugingen und ansprachen ohne nach unten oder wegzuschauen. Sie waren in keiner Weise unterwürfig, sondern offenherziger.

Dieses Mal in Malawi bot sich mir exakt das gleiche Bild. Ich traf keine Missionare. Man stößt nun mal nicht auf Missionare in den Lobbys eines teuren Hotels, wo man mit den großen Nichtregierungsorganisationen Strategiepapiere der Entwicklungshilfe diskutiert.

Aber ich bemerkte, dass eine Handvoll der brillantesten Mitglieder des „Pumpenprojektes“ (hauptsächlich aus Zimbabwe) überzeugte Christen waren. Das habe ich ganz im Privaten mitbekommen, weil ihr Projekt durch und durch säkular ist. Ich hörte nie irgendeinen von ihnen über den Glauben reden, wenn sie in einem Dorf arbeiteten. Aber ich entnahm diese Hinweise in unseren Gesprächen. Einer von ihnen studierte ein Andachtsbuch im Auto und am Abend ging er in einen zweistündigen Gottesdienst.

Es würde in mein eigenes Weltbild passen zu denken, dass Ehrlichkeit, Fleiß und Optimismus bei der Arbeit nichts mit einem persönlichen Glauben zu tun hätten. Ihre Arbeit war säkular, aber eindeutig von ihrem Glauben beeinflusst. Ihre Festigkeit war bestimmt von ihrer Anschauung von der Rolle des Menschen im Universum, so wie es das Christentum lehrt.

Seit langem besteht bei westlichen Soziologen der Brauch, dass sie einen Zaun um die Wertsysteme der afrikanischen Stämme ziehen. Sie wollen das Denken der Afrikaner vor westlicher Kritik schützen. Sie sagen, dort drüben haben die Menschen ihre authentischen und angestammten Werte, die genau so wertvoll sind wie unsere.

Ich kann diese Meinung einfach nicht mehr teilen. Ich beobachte, dass dieses Stammesdenken nicht friedlicher ist als das unsrige; dass es sogar die Individualität seiner Mitglieder unterdrückt. Die Menschen denken als Kollektiv, zuerst haben sie ihre Großfamilie im Blick und dann den Stamm. Dieses traditionell-ländliche Verhaltensmuster begünstigt den Missbrauch des „starken Mannes“ und eine verbrecherische Politik in der afrikanischen Stadt. Deshalb kommt es zu diesem übertriebenen Respekt vor einem großen Führer und dieser wortwörtlichen Unfähigkeit das Konzept einer loyalen Opposition zu verstehen.

Die Angst geht bei ihnen um. Sie haben Angst vor bösen Geistern, vor ihren Vorfahren, vor der Natur und wilden Tieren, vor der Hierarchie im Stamm. Diese Furcht vor gewöhnlichen Dingen liegt tief in der gesamten afrikanischen Kultur verwurzelt. Jeder Mann ist auf seinen Fleck eingeengt. Sei es Furcht oder Respekt sei mal dahingestellt. Eine große Last drückt auf den individuellen freien Geist und lähmt seine Neugier.  Die Menschen ergreifen keine Initiative, nehmen die Dinge einfach nicht in ihre Hände oder auf ihre eigenen Schultern.

Wie kann jemand wie ich, der sich beiden Lagern zugehörig fühlt, das erklären. Wenn der philosophische Globetrotter von einem Weltbild zum nächsten wandert, verliert er die Fähigkeit die alten Landschaftsformen zu beschreiben. Aber ich möchte es an einem Beispiel versuchen. Als Sir Edmund Hillary gefragt wurde: Warum sollen wir diesen Berg besteigen? Da antwortete er: „Weil er da ist!“

Für einen Afrikaner ist diese Erklärung der Grund den Berg nicht zu besteigen. „Hm, der Berg ist halt da. Warum soll ich mich mit ihm abplagen. Er kann mir ziemlich egal bleiben.

Und der zweite Teil der Antwort von Sr. Hillary: „Weil noch niemand ihn bestiegen hat!“ Diese Aussage wäre für den typischen Afrikaner eine zweite Begründung für seine Passivität.

Der christliche post-reformatorische Glaube im Zeitalter nach Luther mit seiner direkten, persönlichen und gegenseitigen Beziehung zwischen dem Individuum und Gott – unbeeinflusst oder unterjocht durch das Kollektiv (des Stammes) -schneidet genau durch dieses philosophische und geistige Kostüm dieser Menschen. Es bietet einen festen Halt für die Ängstlichen, die unter dem erdrückenden Stammesdenken zu leiden haben. Auf diese Art und Weise befreit der Glaube. 

All die, die ein Afrika anstreben, das sich im 21. Jahrhundert aufrecht und selbstbewusst im globalen Wettbewerb behaupten kann, sollen sich mal nichts vormachen. Materielle Hilfe und der Transfer von Knowhow durch Entwicklungshilfeorganisationen werden die positive Veränderung nicht erreichen. Das gesamte Glaubenssystem muss ersetzt werden.

Und ich denke wirklich, dass es durch ein anderes ersetzt werden muss. Wenn wir die christliche Evangelisation aus Afrika verbannen, wird der Kontinent der Willkür einer bösartigen Fusion aus Nike-Schuhen, dem Zauberdoktor, dem Handy und der Machete ausgesetzt.

(Ich habe den Text nach bestem Wissen und Gewissen übersetzt. In zwei Stunden werden in Deutschland die Hähne krähen und ich muss zum Flughafen. Es geht nach Peru, nach Hause.

KDJ